Anmerkung zur Übersetzung des Begriffs "Use Case"
Im Buch werden Begriffe der UML, vor allem Metaklassen, konsequent
eingedeutscht. Das ist unüblich, die meisten Bücher verwenden ein ziemliches Kauderwelsch ("Denglisch").
Solche Sprachverhunzung war für mich keine Option. Und da einige der UML-Begriffe (noch) nicht, nicht einheitlich oder nicht gut übersetzt sind, stand ich beim Schreiben vor dem Problem brauchbarer Übersetzungen.
Manche meiner Wortschöpfungen sind daher gewöhnungsbedürftig, etwa "Montagediagramm". Dafür gibt es noch nicht mal ein brauchbares englisches Wort, "Composite structure diagram" kann ich jedenfalls nicht ernst nehmen. "Assembly diagram" sagt das gleiche besser, und man kann es auch noch schön als "Montagediagramm" übersetzen. Funktioniert übrigens auch in anderen Sprachen wie z.B. Französisch.
Ein anderer Fall - Use Case - hat besonders viel Kritik auf sich gezogen, und soll daher hier ausführlich erläutert werden.
In der Literatur wird seit ein paar Jahren der Begriff "Use Case" mit "Anwendungsfall" übersetzt. Ich habe mich, nach ziemlich langer Überlegung, dafür entschieden, eine andere Übersetzung zu benutzen, nämlich "Nutzfall". Hier sind meiner Gründe.
- Warum ist die Übersetzung "Anwendungsfall" schlecht?
- Das Wort "Anwendungsfall" legt nahe, dass es sich um ein Modellierungsmittel für Anwendungen ("Applications") handelt, also um Informationssysteme (auch: Management-Informationssysteme). Man könnte auf die Idee kommen, dass dieses Modellierungsmittel nicht für, sagen wir, eingebettete Systeme geeignet sei. Der englische Begriff enthält diese Einschränkung nicht, und das Konzept enthält diese Einschränkung auch nicht. "Use Cases" sind gedacht und geeignet für alle Arten von Anwendungen.
- Warum ist die Übersetzung "Nutzfall" besser?
- Die oben beschriebene Problematik von "Anwendungsfall" trifft auf "Nutzfall" nicht zu, dieser Begriff ist neutral.
- Das Wort ist näher am Original, d.h. auch wenn jemand (noch) kein UML spricht, kann er dem Begriff Nutzfall sofort das englische Original "Use Case" ansehen (und umgekehrt).
- Das Wort ist kürzer - zwei Silben im Vergleich zu vier bei "Anwendungsfall". Das hört sich vielleicht nicht nach viel an, ist aber aus ergonomischer Sicht eine Menge. Und wer, z.B. in einer Schulung, hundertmal am Tag "Anwendungsfall" sagen muss, wird "Nutzfall" schnell schätzen.
- Das Wort ist analog zu anderen ähnlichen Begriffen gebildet (z.B. Testfall, Problemfall, Ernstfall, ...) und insofern sprachlich unauffällig.
Zugegeben, Nutzfall ist anfangs ungewohnt für Menschen mit UML-Erfahrung. Und es kann störend sein, wenn man seinen Studenten sagen muss, dass es zwei Worte für das gleiche geben kann. Aber meiner Meinung nach wiegen die oben genannten Vorteile diese Nachteile auf.
Bessere Vorschläge für diesen Begriff oder auch andere Übersetzungen werden gerne aufgenommen! :)
Übrigens steht diese Argumentation (verkürzt) auch schon im Buch, als Fußnote an der Stelle, wo ich den Begriff einführe. Entsprechende Referenzen und Glossareinträge sind ebenfalls vorhanden.
stoerrle [at] informatik.uni-muenchen.de